Interview mit Claus D. von der Fink
Interview mit Claus D. von der Fink - Nitya Seva e

Eröffnung des 1. Kinderheimes in Chandbad 



Interview mit Claus D.v.d. Fink - Nitya Seva e.V.

NITYA SEVA e.V.

Interview mit Herrn Claus D. von der Fink, Gründer und 1. Vorsitzender von NITYA SEVA e.V. in Deutschland, und Präsident der NITYA SEVA SOCIETY in Indien

Evelyn Garski
www.bollywood-worldwide.de
10.4.2008



Herr von der Fink,

vielen Dank, dass Sie sich Zeit für die Beantwortung meiner Fragen nehmen. Wie ich dem umfangreichen Informationsmaterial entnehmen konnte, sind Sie bereits seit über 17 Jahre bestrebt, den zahlreichen leidenden Kindern in Indien durch verschiedene Aktionen zu helfen.


E.G.: Überall auf der Welt gibt es leider sehr viele notleidende Kinder. Was genau hat Sie bewogen, Kinder in Indien zu unterstützen?


C.v.d.F.: Über die Not der Kinder in Indien habe ich vor über 17 Jahren in einem Zeitungsartikel erfahren. Meine spontane Reaktion war: „Das lasse ich nicht zu.“ Ich bin dann durch Indien gereist, um die Stätten der größten Not ausfindig zu machen, die, ungeachtet der immensen Armut auf dem Land, überwiegend in den Metropolen wie Mumbai, Delhi, Kolkata und Chennai zu finden sind.

E.G.: Sie haben bereits vor der Gründung Ihres Vereins NITYA SEVA e.V. im Jahr 1998 schon tatkräftig Projekte in den Slums von Mumbai (Bombay) ins Leben gerufen. Was ist aus diesen Projekten geworden? Haben Sie immer noch Verbindung nach Mumbai?

C.v.d.F.: In Mumbai, einer ca. 15-Millionen-Stadt, habe ich festgestellt, dass Tausende von Kindern mit oder ohne Anhang auf der Straße leben, und keine Chance für einen Zugang zu einer Schule haben. Für diese kleinen Wesen habe ich durch eine spontane Sammelaktion Spenden erhalten, um eine Schule zu finanzieren, in der die Kinder nicht nur Unterricht, sondern auch ein ordentliches Mittagessen erhalten. Ich war bisher schon über 50 Mal in Mumbai, und bin jedes Jahr zumindest zweimal dort. Das Projekt läuft sehr gut. Mit den Verantwortlichen stehe ich im Kontakt.

E.G.: In all den Jahren waren Sie sicher schon in einigen Teilen Indiens. Ihr Verein unterstützt nun Straßenkinder in Bhopal. Warum in Bhopal ?

C.v.d.F.: Meine Frau Asha (der Name bedeutet auf Hindi „Hoffnung“) kommt aus Bhopal. Die Stadt hat etwa 1,5 Millionen Einwohner. Asha wurde im Jahr 1999 auf ca. 360 Jungen und Mädchen im Alter von 5 bis 18 Jahre aufmerksam, die auf den Bahnsteigen und entlang der Gleise hausen, und sich die Essensreste, welche die Reisenden in den Zügen zurücklassen, in die hungrigen Mägen stopfen. Die Kinder sind zumeist krank, die Haut ist mit Geschwüren übersät. Sie wurden oft misshandelt, sexuell missbraucht, nehmen Drogen oder schnüffeln Tippex. Und sie haben keine liebevolle Zuwendung.

Für diese Kinder haben wir im Jahr 2000 unser erstes Kinderheim in Chandbad eröffnet. Wir haben in der Folgezeit durch die Anmietung zweier Häuser ein weiteres Heim für bedürftige Mädchen und dann 2004 unser neues, sehr geräumiges Kinderheim in Pipalner eröffnet.

E.G.: Könnten Sie bitte erklären, was die Bezeichnungen Nitya Seva und Aashirwad (der Name eines Ihrer Projekte) bedeuten?

C.v.d.F.: NITYA SEVA bedeutet auf Hindi „ständige, uneingeschränkte Hilfe“. Aashirwad bedeutet „Segen“.

E.G.: Ihr Verein feiert dieses Jahr sein 10jähriges Bestehen. Das bedeutet eine ganze Menge Arbeit und Engagement, Hoffnungen, Erfolg, aber auch sicherlich Rückschläge. Rückblickend - hätten Sie selbst gedacht, dass Ihr Verein so lange existieren wird (ich hoffe für die Kinder, noch viele, viele Jahre mehr)?

C.v.d.F.: 10 Jahre ist eine lange Zeit. Sie ist aber auch irgendwie wie im Flug vergangen. Die Jahre sind mit extrem harter Arbeit verbunden gewesen, da ich meine sozialen Bemühungen seit 17 Jahren ausschließlich in meiner Freizeit durchführe.

Meine Frau und ich haben nie Zweifel gehabt, dass NITYA SEVA auf Dauer existieren wird. Das ist unser Lebenswerk.

E.G.: Mit welchen Schwierigkeiten hatten oder haben Sie am meisten zu kämpfen?

C.v.d.F.: Eine große Anstrengung ist es, Jahr für Jahr die erforderlichen Geldmittel zu bekommen. Unser Ausgabenvolumen liegt aktuell bei ca. 100.000 EURO pro Jahr. Das ist ein wahrer Kraftakt, dieses Geld zusammen zu bekommen.

Ein weiteres Problem ist, qualifiziertes und motiviertes Personal zu bekommen.

Dazu kommt, dass wir trotz der freundlichen Unterstützung des Bruders und der Schwägerin meiner Frau in Bhopal alle Grundsatzangelegenheiten aus 6.500 km Entfernung steuern müssen, was nur mit unzähligen täglichen Telefonaten und Mails zu bewerkstelligen ist.

E.G.: Gab es Momente, in denen Sie jemals am Erfolg Ihrer Bemühungen gezweifelt haben und deshalb „aufgeben“ wollten?

C.v.d.F.: Aufgeben würde nie in Frage kommen. Wie könnte man unseren Kindern begreiflich machen, dass sie wieder auf die Straße zurück müssen, weil wir deren Obhut nicht geregelt bekommen. Wir geben unsere ganze Kraft, dass so etwas nie passieren wird.

E.G.: Mittlerweile ist die Zahl der Kinder, die Sie in den eigenen Kinderheimen in Bhopal betreuen, auf beachtliche 186 angestiegen. Wie viele Kinder können Sie insgesamt unterbringen und wie viele unterstützen Sie noch außerhalb der Kinderheime?

C.v.d.F.: Unsere beiden Heime sind am Platzen. Ich bestehe aber darauf, dass keinem Kind, das in Not ist, der Eintritt versagt wird.

Durch Zusammenrücken haben wir noch Platz für ca. weitere 20 Kinder. Nun planen wir die bauliche Erweiterung des Kinderheimes in Pipalner. Mit einem Kostenvolumen von etwa 50.000 EURO. Geld, das ich erst noch „erbetteln“ muss.

E.G.: Wie viele Mitarbeiter sind vor Ort für NITYA SEVA e.V. tätig und in welcher Eigenschaft?

C.v.d.F.: Wir haben aktuell 28 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sozialarbeiter, Köche, Kinderbetreuer, Buchhalter, Nachhilfelehrer, Fahrer, Lehrer für unsere Ausbildungsstätten (Schreinerei, Näh- und Computerschulen) u.a.m.

E.G.: Inwieweit werden Sie von den örtlichen Behörden und Einwohner Bhopal´s unterstützt?

C.v.d.F.: Wir erhalten erfreuliche, sehr gute Unterstützung durch kommunale Verantwortungsträger, durch Rotary, von der Regierung etc.

E.G.: Gab es in Mumbai oder Bhopal jemals Probleme bei Ihren Hilfeleistungen und. Anfragen aufgrund Ihrer eigenen Nationalität?


C.v.d.F: Nein, nie. Indien ist ein total offenherziges Land. Ich bin dort bekannt und werde überall freundlich aufgenommen.

E.G.: Was unternimmt die Regierung in Indien eigentlich selbst, um die Probleme der Slums, Familienverhältnisse, Straßenkinder usw. zu beheben?

C.v.d.F.: Einiges. Man kann aber trotz großer Bemühungen 400 Millionen unter der Armutsgrenze liegenden Bedürftigen in Indien nicht auf einem Schlag helfen.

E.G.: Hat sich in den 10 Jahren seit Vereinsbeginn Bhopal eher positiv oder negativ entwickelt? Wie schätzen Sie selbst das ein? Wird sich die Situation der Kinder dort in Zukunft verbessern?

C.v.d.F.: Ja, das wird sie. Es braucht aber noch viel Zeit. Und ich mag nicht abwarten, bis sich die Dinge positiv bewegen. Dringende Hilfe wird jetzt benötigt.

E.G.: Welche Projekte stehen für NITYA SEVA e.V. demnächst auf dem Plan?

C.v.d.F.: Ich habe unendliche Visionen. Z.B. in den Bereichen Trinkwasserversorgung, Sanitäranlagen, Bewässerung der Felder, bessere Schulausbildung für Unterprivilegierte u.a.m.

E.G.: Nicht immer möchten hilfsbereite Personen Geld spenden. Welche Möglichkeiten gibt es noch, Ihren Verein zu unterstützen? Was könnten Sie konkret dafür noch brauchen? Sachspenden, Helfer, andere Dinge? Was wird am dringendsten benötigt?

C.v.d.F.: Finanzielle Hilfe ist tatsächlich die Priorität. Hilfreich ist auch die Mitgliedschaft bei NITYA SEVA mit einer Gebühr in Höhe von 51,13 EURO, mit der ich die Administrationskosten abdecke, damit alles projektbezogenen Spenden 1:1 nach Indien gehen können.

Sachspenden könnten wir gut gebrauchen, insbesondere Kleidung und Spielzeug. Die kriegen wir aber weder transportmäßig noch kostengünstig nach Indien.

E.G.: Was waren für Sie die am meisten bewegenden Momente in all den Jahren?

C.v.d.F.: Jeder Neuzugang in unseren Heimen. Und jedes Lächeln unserer Schützlinge. Und dass sie dad und mum zu uns sagen.

E.G.: Gab es auch lustige Begebenheiten, die Ihnen ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern, wenn Sie sich heute noch daran erinnern?

C.v.d.F.: Lustige Begebenheiten gab es auch. Z.B. als ich versuchte, deutsche Managementregularien ins Indische zu übertragen. Bauchlandung pur.

E.G.: Zahlreiche Persönlichkeiten und Berühmtheiten aus dem Business-, Sport- und Filmbereich unterstützen verschiedene Projekte in Indien. Wie sieht das bei Ihnen aus – erhalten Sie Unterstützung von indischen Persönlichkeiten/Stars?

C.v.d.F.: Die indischen VIP konnte ich aus Zeitmangel noch nicht ins Boot ziehen. Da werde ich mich nun stärker bemühen. Deutsche VIP konnte ich zahlreich gewinnen.

E.G.: Gibt es jemanden, den Sie besonders gerne als „Sponsor“ für Ihr Projekt hätten und wenn ja, wen und warum?

C.v.d.F.: Mit einigen der VIP-Spitze in Indien war ich in Kontakt. Werde nun versuchen, einmal mit Shah Rukh Khan Kontakt aufnehmen. Er ist sozial eingestellt.

Ansonsten wäre es schön, wenn man mir Sponsoren zuführen würde. Aus Deutschland und aus Indien.

E.G.: Zum Abschluss – was wünschen Sie und Ihre Frau Asha sich selbst noch für die kommenden Jahre?

C.v.d.F.: Dass unser Projekt bestehen bleiben kann und expandiert. Und dass immer mehr Menschen sich solidarisch erklären, dass es nicht sein kann, dass Kinder, wo immer in dieser unseren Welt, leiden müssen.

Bollywood-worldwide.com wünscht Ihnen und Ihren Helfern weiterhin viel Erfolg und kräftige Unterstützung für NITYA SEVA e.V. und bedankt sich herzlich für das Interview.



 

Claus D. u. Asha von der Fink

Das Leben auf dem Bahnsteig und auf den Straßen Bhopals  Eine glückliche Mädchengruppe